{"id":909,"date":"2017-06-04T11:52:26","date_gmt":"2017-06-04T09:52:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.political-science-center.de\/?p=909"},"modified":"2017-06-04T11:58:41","modified_gmt":"2017-06-04T09:58:41","slug":"das-museum-als-historischer-und-interkultureller-begegnungsort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.political-science-center.de\/?p=909","title":{"rendered":"Das Museum als historischer und interkultureller Begegnungsort"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Anl\u00e4sslich des 40. Internationalen Museumstages am 21. Mai 2017 ver\u00f6ffentliche Frau Dr. Tanja Praske einen lesenswerten Gastbeitrag auf der Webseite des Deutschen Historischen Museums unter dem Titel: &#8222;Braucht es das Museum oder kann es weg?&#8220; Ein Grund <a href=\"https:\/\/www.political-science-center.de\/?p=879\">erneut<\/a> einige Facetten des Museums als Akteur der Erinnerungskultur und Ort interkultureller Begegnung zu betrachten<!--more-->, doch zun\u00e4chst zur Problemlage: <a class=\"simple-footnote\" title=\"Praske, Tanja: \u201eBraucht es das Museum oder kann es weg?\u201c 19.05.2017 (URL: http:\/\/www.dhm.de\/blog\/2017\/05\/19\/braucht-es-das-museum-oder-kann-es-weg\/), nachfolgend zitiert als Praske: \u201eBraucht es das Museum?\u201c\" id=\"return-note-909-1\" href=\"#note-909-1\"><sup>1<\/sup><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuspitzend greift sie jene Zuschreibungen auf, mit denen sich Museen heute konfrontiert sehen. Sie seien \u201eheilige Hallen vollgestopft mit verstaubter Kunst\u201c, halten die \u201eAura seiner Originale wie einen Heiligenschein\u201c hoch, doch evozieren sie weder Emotionen noch gelingt ihnen die Narration einer interessanten Geschichte. Und letztlich sei die Konkurrenz durch unterhaltsamere Freizeitangebote schlicht zu gro\u00df \u2013 und sei es nur das heimische Sofa.  <a class=\"simple-footnote\" title=\"ebd.\" id=\"return-note-909-2\" href=\"#note-909-2\"><sup>2<\/sup><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Zeiten klammer Staatss\u00e4ckel, in denen es im Geb\u00e4lk der Kulturbranche an allen Ecken und Enden knarzt, ist doch fraglich, ob die Museen, welche sich so vom Bewusstsein der Menschen und ihrer Lebenswelt entfernt haben, ihre Daseinsberechtigung nicht zum Teil verloren haben. Zwar sind die Besuchszahlen im Museum auch im Jahr 2015 erneut um \u00fcber 2% angestiegen <a class=\"simple-footnote\" title=\"Institut f\u00fcr Museumsforschung: \u201eStatistische Gesamterhebung an den Museen der Bundesrepublik Deutschland f\u00fcr das Jahr 2015\u201c, Berlin 2016, S.7.\" id=\"return-note-909-3\" href=\"#note-909-3\"><sup>3<\/sup><\/a>, dennoch sagt die blo\u00dfe Anzahl der Museumsbesuche nichts \u00fcber die Museumsbesucher aus, zumal nicht \u00fcber deren gesellschaftliche Stellung. Soweit sie lediglich als Teil der \u201eChampagner-Etage\u201c <a class=\"simple-footnote\" title=\"zit. n. Praske, im Original von Dietmar Thieser (url: https:\/\/www.wp.de\/staedte\/hagen\/bezirksbuergermeister-fordert-voruebergehende-schliessung-der-museen-id8653430.html )\" id=\"return-note-909-4\" href=\"#note-909-4\"><sup>4<\/sup><\/a> der Elite zu charakterisieren sind, so k\u00f6nnen sie weg, res\u00fcmiert Frau Praske.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dieser Situation heraus sinnieren die deutschen Museen also \u00fcber Ihre Daseinsberechtigung. Auch wenn das Museum vor gro\u00dfen Herausforderungen stehe, existiere ihre Raison d`\u00catre noch. Gleich zwei sinnstiftende Aspekte werden von Frau Praske angef\u00fchrt, die wir n\u00e4her betrachten m\u00f6chten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Museen \u00fcbernehmen wichtige Funktionen im Rahmen der Erinnerungskulturen. Sie \u201ebieten neuen Denkstoff als Orte des kollektiven Ged\u00e4chtnisses. [\u2026] Gleichzeitig er\u00f6ffnen sie uns andere Erfahrungshorizonte: Vergangenheit wird in die Gegenwart \u00fcberf\u00fchrt.\u201c  <a class=\"simple-footnote\" title=\"Praske: \u201eBraucht es das Museum\u201c?\" id=\"return-note-909-5\" href=\"#note-909-5\"><sup>5<\/sup><\/a>. Es ist erkennbar, dass Museen wichtige Akteure der Geschichtsschreibung sind und gleichzeitig Geschichte in der Gegenwart erfahrbar machen. Sie nehmen somit geradezu eine Schnittstellenfunktion ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei l\u00e4sst sich der Begriff des kollektiven Ged\u00e4chtnisses in zwei Basisregister unterteilen: W\u00e4hrend das kulturelle Ged\u00e4chtnis einen hohen Verdichtungsgrad aufweist und sich auf eine mehr oder minder konsolidierte Fassung der deutlich vergangenen Geschichte bezieht und sich nur \u00fcber materielle Zeugnisse reproduzieren kann, bleibt das kommunikative Ged\u00e4chtnis noch eher \u00a0Bestandteil von Aushandlungsprozessen. Es ist gekn\u00fcpft an die Kommunikation zwischen Individuen, die Erfahrungen ihrer Lebensgeschichte teilen und umfasst somit nur einen Zeithorizont von etwa 80 Jahren.  <a class=\"simple-footnote\" title=\"Zu den Begriffen kommunikatives und kulturelles Ged\u00e4chtnis nach Assmann siehe bspw. Schraten, J\u00fcrgen: \u201eZur Aktualit\u00e4t von Jan Assmann \u2013 Einleitung in sein Werk\u201c, Wiesbaden 2011, S.18ff. oder auch Erll, Astrid: &#8222;Kollektives Ged\u00e4chtnis und Erinnerungskulturen &#8211; Eine Einf\u00fchrung&#8220;, Stuttgart u. Weimar 2005, S. 27ff.\" id=\"return-note-909-6\" href=\"#note-909-6\"><sup>6<\/sup><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Problematisch ist somit beispielsweise das gegenw\u00e4rtige Aussterben jener Zeitzeugen, die den Holocaust \u00fcberlebt haben. Bei der Bewahrung ihres Ged\u00e4chtnisses spielen auch Museen eine gro\u00dfe Rolle. Sie k\u00f6nnen als Begegnungsorte eine Plattform f\u00fcr den Austausch von individuellem Wissen bieten und somit als Katalysator im Konsolidierungsprozess dienen. Zugleich stellen sie geschichtliche Artefakte \u2013 und mit ihnen Tr\u00e4ger des kulturellen Ged\u00e4chtnisses \u2013 aus und erm\u00f6glichen einen weiteren Zugang zur Geschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/www.political-science-center.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Vergangenheitsinformiertheit.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-916\" src=\"https:\/\/www.political-science-center.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Vergangenheitsinformiertheit.jpg\" alt=\"\" width=\"3136\" height=\"800\" srcset=\"https:\/\/www.political-science-center.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Vergangenheitsinformiertheit.jpg 3136w, https:\/\/www.political-science-center.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Vergangenheitsinformiertheit-300x77.jpg 300w, https:\/\/www.political-science-center.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Vergangenheitsinformiertheit-768x196.jpg 768w, https:\/\/www.political-science-center.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Vergangenheitsinformiertheit-1024x261.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 3136px) 100vw, 3136px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese kollektive Erinnerung, an deren Bildung und Vermittlung Museen teilhaben, ist essentieller Bestandteil unseres Selbstverst\u00e4ndnisses. Konfrontiert mit diversen Herausforderungen unserer Zeit, verbessert die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit die M\u00f6glichkeit wohlinformierte Entscheidungen f\u00fcr die Gegenwart zu f\u00e4llen.  <a class=\"simple-footnote\" title=\"Vgl. Imhof, Kurt: \u201ePL\u00c4DOYER: Die Musealisierung des Aktuellen: eine Kritik\u201c, in: Gesser, Susanne; et. al (Hrsg.): \u201eDas Partizipative Museum \u2013 Zwischen Teilhabe und User Generated Content\u201c, Bielefeld 2012, S.61-67, hier S.66., nachfolgend zitiert als: Imhof: \u201ePL\u00c4DOYER\u201c\" id=\"return-note-909-7\" href=\"#note-909-7\"><sup>7<\/sup><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/www.political-science-center.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/interkulturell.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-917\" src=\"https:\/\/www.political-science-center.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/interkulturell.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"603\" srcset=\"https:\/\/www.political-science-center.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/interkulturell.jpg 1000w, https:\/\/www.political-science-center.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/interkulturell-300x181.jpg 300w, https:\/\/www.political-science-center.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/interkulturell-768x463.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zudem seien Museen \u201eper se interkulturelle Orte\u201c.  <a class=\"simple-footnote\" title=\"Mann, Stefan, zit. n. Praske: \u201eBraucht es das Museum?\u201c\" id=\"return-note-909-8\" href=\"#note-909-8\"><sup>8<\/sup><\/a> Unter der Ma\u00dfgabe, dass Toleranz durch Begegnung w\u00e4chst, kommt den Museen in einer offenen, pluralistischen Gesellschaft somit eine wichtige Rolle zu. Gerade in Zeiten einer \u201efremdenfeindlich motivierten Renaissance des Nationalismus\u201c <a class=\"simple-footnote\" title=\"Imhof: \u201ePL\u00c4DOYER\u201c, S.66\" id=\"return-note-909-9\" href=\"#note-909-9\"><sup>9<\/sup><\/a> bieten sie einen wichtigen Gegenpol im politischen Selbstverst\u00e4ndigungsdiskurs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlussendlich spielen Museen \u2013 <a href=\"https:\/\/www.political-science-center.de\/?p=879\">wie bereits thematisiert<\/a> \u2013 eine wichtige Rolle in der Zivilgesellschaft. Diese liegt insbesondere im Zuwachs sozialen Kapitals. Um einen solchen Zuwachs zu erreichen, m\u00fcssen Besucher ihre sozialen, politischen und beruflichen Positionen insofern verlassen, als dass sie mit Menschen in Verbindung treten, die andere Perspektiven haben. Die Museen er\u00f6ffnen somit R\u00e4ume nicht nur f\u00fcr Begegnungen mit der eigenen Vergangenheit, sondern auch derer anderer Menschen und Kulturen. Robert Putnam folgert, dass selbst bei der Teilnahme an rein kunstbezogenen kulturellen Aktivit\u00e4ten, soziales Kapital als \u00e4u\u00dferst wertvolles Nebenprodukt generiert wird.  <a class=\"simple-footnote\" title=\"Putnam, Robert D.: \u201eBowling Alone \u2013 The Collapse and Revival of American Community\u201c, New York 2000, S.411.\" id=\"return-note-909-10\" href=\"#note-909-10\"><sup>10<\/sup><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Braucht es also das Museum?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 Unbedingt!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n________________<br><span style=\"text-indent:3em; margin-left:0em\"><sup>1<\/sup> Praske, Tanja: \u201eBraucht es das Museum oder kann es weg?\u201c 19.05.2017 (URL: http:\/\/www.dhm.de\/blog\/2017\/05\/19\/braucht-es-das-museum-oder-kann-es-weg\/), nachfolgend zitiert als Praske: \u201eBraucht es das Museum?\u201c <a href=\"#return-note-909-1\">&#8617;<\/a><\/span><br><span style=\"text-indent:3em; margin-left:0em\"><sup>2<\/sup> ebd. <a href=\"#return-note-909-2\">&#8617;<\/a><\/span><br><span style=\"text-indent:3em; margin-left:0em\"><sup>3<\/sup> Institut f\u00fcr Museumsforschung: \u201eStatistische Gesamterhebung an den Museen der Bundesrepublik Deutschland f\u00fcr das Jahr 2015\u201c, Berlin 2016, S.7. <a href=\"#return-note-909-3\">&#8617;<\/a><\/span><br><span style=\"text-indent:3em; margin-left:0em\"><sup>4<\/sup> zit. n. Praske, im Original von Dietmar Thieser (url: https:\/\/www.wp.de\/staedte\/hagen\/bezirksbuergermeister-fordert-voruebergehende-schliessung-der-museen-id8653430.html ) <a href=\"#return-note-909-4\">&#8617;<\/a><\/span><br><span style=\"text-indent:3em; margin-left:0em\"><sup>5<\/sup> Praske: \u201eBraucht es das Museum\u201c? <a href=\"#return-note-909-5\">&#8617;<\/a><\/span><br><span style=\"text-indent:3em; margin-left:0em\"><sup>6<\/sup> Zu den Begriffen kommunikatives und kulturelles Ged\u00e4chtnis nach Assmann siehe bspw. Schraten, J\u00fcrgen: \u201eZur Aktualit\u00e4t von Jan Assmann \u2013 Einleitung in sein Werk\u201c, Wiesbaden 2011, S.18ff. oder auch Erll, Astrid: &#8222;Kollektives Ged\u00e4chtnis und Erinnerungskulturen &#8211; Eine Einf\u00fchrung&#8220;, Stuttgart u. Weimar 2005, S. 27ff.  <a href=\"#return-note-909-6\">&#8617;<\/a><\/span><br><span style=\"text-indent:3em; margin-left:0em\"><sup>7<\/sup> Vgl. Imhof, Kurt: \u201ePL\u00c4DOYER: Die Musealisierung des Aktuellen: eine Kritik\u201c, in: Gesser, Susanne; et. al (Hrsg.): \u201eDas Partizipative Museum \u2013 Zwischen Teilhabe und User Generated Content\u201c, Bielefeld 2012, S.61-67, hier S.66., nachfolgend zitiert als: Imhof: \u201ePL\u00c4DOYER\u201c <a href=\"#return-note-909-7\">&#8617;<\/a><\/span><br><span style=\"text-indent:3em; margin-left:0em\"><sup>8<\/sup> Mann, Stefan, zit. n. Praske: \u201eBraucht es das Museum?\u201c <a href=\"#return-note-909-8\">&#8617;<\/a><\/span><br><span style=\"text-indent:3em; margin-left:0em\"><sup>9<\/sup> Imhof: \u201ePL\u00c4DOYER\u201c, S.66 <a href=\"#return-note-909-9\">&#8617;<\/a><\/span><br><span style=\"text-indent:3em; margin-left:0em\"><sup>10<\/sup> Putnam, Robert D.: \u201eBowling Alone \u2013 The Collapse and Revival of American Community\u201c, New York 2000, S.411. <a href=\"#return-note-909-10\">&#8617;<\/a><\/span>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl\u00e4sslich des 40. Internationalen Museumstages am 21. Mai 2017 ver\u00f6ffentliche Frau Dr. Tanja Praske einen lesenswerten Gastbeitrag auf der Webseite des Deutschen Historischen Museums unter dem Titel: &#8222;Braucht es das Museum oder kann es weg?&#8220; Ein Grund erneut einige Facetten des Museums als Akteur der Erinnerungskultur und Ort interkultureller Begegnung zu betrachten ________________1 Praske, Tanja: \u201eBraucht es das Museum oder kann es weg?\u201c 19.05.2017 (URL: http:\/\/www.dhm.de\/blog\/2017\/05\/19\/braucht-es-das-museum-oder-kann-es-weg\/), nachfolgend zitiert als Praske: \u201eBraucht es das Museum?\u201c &#8617;2 ebd. &#8617;3 Institut f\u00fcr Museumsforschung: \u201eStatistische Gesamterhebung an den Museen der Bundesrepublik Deutschland f\u00fcr das Jahr 2015\u201c, Berlin 2016, S.7. &#8617;4 zit. n. 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