Die Bildungsfunktion im Museum – „Ich weiß, was du wissen musst“?!

Museum

Museen nehmen unterschiedliche Aufgaben und Funktionen in einer Gesellschaft wahr, wie eine Definition des International Council of Museums zeigt.

Demnach ist ein Museum…

… eine gemeinnützige Einrichtung, die im Dienst der Gesellschaft steht und offen für Publikum ist
…, die sammelt, forscht und bewahrt sowie kommuniziert und präsentiert,
…, die sowohl Forschungs- und Bildungszwecken als auch dem Vergnügen genüge tut,
… und die materielle Grundlagen der Menschen und deren Umwelt erlangt und bewahrt.
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Museen sind unbestritten fähig, vor allem die Aufgaben Sammeln und Bewahren auszuführen. Staaten, gesellschaftliche Organisationen und Vereine sowie Privatpersonen investieren viel Geld, um Kunstgegenstände, Artefakte und alles, was kulturell wichtig erscheint, in einem guten und möglichst originalen Zustand zu bewahren. Gesammelt wird in der Moderne zumeist mit System: Objekte werden Sachgebieten, Themen und Forschungsinteressen zugeordnet.

Auch ihren Forschungsauftrag können Museen der klassischen Form wahrnehmen. Sie bieten Wissenschaftlern Zugang zu ihren Sammlungen und forschen selbst rund um die Objekte. Zudem werden angrenzende Wissenschaften wie die Besucherforschung, Museumspädagogik oder Wissenschaftsgeschichte mit einbezogen.

So zu sagen eine „Wissenschaft für sich“ ist die Aufgabe zu Präsentieren. Im Mittelpunkt der musealen Präsentation oder auch Inszenierung stehen immer Exponate, die dem Besucher Wissen vermitteln sollen.

Ein Exponat verfügt über unterschiedliche Deutungsebenen: es wird immer im Kontext der Ausstellung und des Raums, in dem es präsentiert wird wahrgenommen, der Besucher erfasst das „Sichtbare“ des Exponats und legt seine Bedeutung weiter aus. Zudem kann der Besucher gegebene Zusatzinformationen zum Objekt in seine Wahrnehmung mit einbeziehen. Wichtig ist, dass Exponate und historische Gegebenheiten immer durch die „Brille“ der Gegenwart betrachtet werden. Je nachdem wie die Ideologie einer Gesellschaft gelagert ist, werden Ereignisse positiv oder negativ bewertet. Wir schauen so wenig neutral in die Vergangenheit zurück wie wir die Gegenwart neutral bewerten. 2

Was ein Besucher beim Besuch einer Ausstellung oder bei der Betrachtung eines einzelnen Exponats lernt, ist neben der Art der Präsentation, den gegebenen Informationen und der Sichtweise aus der Gegenwart heraus auch immer abhängig von seinem Vorwissen. Ist er ein Spezialist für das Thema der Ausstellung, ist er ein interessierter Laie oder völliger Neuling?

Diese Fragen führen weg vom Fokus auf das Präsentieren und hin zum Vermitteln und dem Bildungsauftrag von Museen, der im Gegensatz zu den anderen musealen Funktionen kritisch zu beleuchten ist.

Im „klassischen“ Museum wird explizites Wissen vermittelt. Als Sender bzw. Lehrer fungiert die Museumsleitung oder der Kurator. Die Museumsleitung entscheidet darüber, was gesammelt und ausgestellt wird und in welcher Form Exponate präsentiert werden. 3 Dabei wird ein bestimmtes Niveau des Vorwissens des Besuchers vorausgesetzt, getreu der Aussage: „Ich weiß, was du wissen musst!“. Im „klassischen“ Museum ist meist sehr wenig Raum für Kommunikation, es wird kein implizites Wissen im Rahmen einer dialogischen Auseinandersetzung – zwischen Museumsleitung und Besucher oder Besucher und Besucher – vermittelt.

Ob solch eine hierarchische Wissensvermittlung im Museum angemessen ist, ist insbesondere wenn es um politische Bildung geht, zu hinterfragen. Museen haben den Auftrag, das zu sammeln, was für die Kultur wichtig erscheint. Sie tragen damit zum Aufbau des kulturellen Gedächtnisses einer Gesellschaft bei, bestimmen, an was sich erinnert und was vergessen wird. Der Inhalt des kulturellen Gedächtnisses einer Gesellschaft wird demnach von Eliten bestimmt – Museumsleitungen, die ihrerseits häufig von öffentlichen Geldern abhängig sind. 4 Im Bereich der Erinnerung an gesellschaftliche und politische Ereignisse und Entwicklungen ist dies vor dem Hintergrund der Veränderbarkeit von Geschichte durchaus problematisch!

Update 22.11.2013
[PDF zur Diskussion im Seminar]

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1 Vgl.: ICOM Statutes, article 1, para.1. Nach: Vieregg, H.K. (2006): Museumswissenschaften – eine Einführung. Paderborn, UTB. S. 13-54. S. 16.
2 Zur Rolle von Exponaten siehe: Heese, T. (2009): Zwischen Authentizität und Inszenierung – präsentierte Geschichte in Museen und Ausstellungen. In: Pandel, H.-J./ Vadim, O. (Hrsg.): Handbuch Geschichtskultur. Die Anwesenheit von Vergangenheit in der Gegenwart. Wochenschau Verlag, Schwalbach, Ts.
3 Zur Präsenations- und Vermittlungsfunktion von Museen siehe auch: Weibel, P. (2007): Das Museum im Zeitalter von Web 2.0. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 49/2007. S. 3-6.
4 Zur gesellschaftlichen Konstruktion von Geschichte und dem kulturellen Gedächtnis siehe: Assmann, A (2007).: Geschichte im Gedächtnis.Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung. München, C.H. Beck.
Artikel. Lesezeichen.

2 Kommentare zu Die Bildungsfunktion im Museum – „Ich weiß, was du wissen musst“?!

  1. Oliver.Reinken sagt:

    Tragen Museen nicht allgemein zum kollektiven und nicht nur zum speziellen Modus des kulturellen Gedächtnisses bei? Viele Sammlungsinhalte die einen gesellschaftlichen Aspekt beinhalten sind doch anfangs auch dem kommunikativen Gedächtnis zuzuordnen, wenn Sie in die Sammlung überführt werden. Eine verstärkte Beeinflussung durch Eliten tritt doch vor allem dann auf, wenn der Transformationsprozess abgeschlossen ist (beispielsweise keine Zeitzeugen mehr leben) und einige ältere Codes nicht mehr von der Allgemeinheit verstanden werden?

    Neben den Museen kommt den zahlreichen Archiven eine ähnliche, wenn auch – aufgrund der zumeist aktenlastigen ‚Sammlungen‘ – anders ausgestaltete Funktion bei der Konstruktion des kulturellen Gedächtnisses bei. Zwar wird auch in Archiven letztlich oft staatlich gefördert bzw. durch Eliten bestimmt, was im Gedächtnis bleiben soll und welche Akten – natürlich nur zufällig – vernichtet werden, aber zumindest in der Theorie sollte sich daraus ein gewisses Korrektiv ergeben.

  2. Barbara891 sagt:

    Es ist richtig, dass im Museum auch das kommunikative Gedächtnis bedient wird. Dies trifft aber meines Erachtens in Bezug auf Besucher vor allem dann zu, wenn im Rahmen von Ausstellungen ein Austausch über das Gezeigte stattfinden kann – das kommunikative Gedächtnis meint ja eine mündliche bzw. direkte Auseinandersetzung unterschiedlicher Generationen mit dem Erlebten und der Gegenwart. Solch ein Austausch ist in der klassichen Form des Museums meist eher nicht geboten. Im Science Center wird das kommunikative Gedächtnis natürlich viel eher angesprochen.
    Daher wurde hier im Zusammenhang mit dem „klassischen Museum“ nur das kulturelle Gedächtnis, das sich explizit auf das Bewahren von Dingen bezieht, genannt.

    Dass die Rolle von Eliten stärker wird, je weniger gesellschaftliche Korrektivfunktionen wahrgenommen werden (können), ist stimmig. Es wäre hier weiterhin spannend zu erforschen, inwiefern Gesellschaften im Rahmen des kommunikativen Gedächtnisses tatsächlich als Korrektiv für museale Arbeit bzw. die Gestaltung des kollektiven Gedächtnisses auftreten, oder ob diese Funktion meist wiederum Eliten (Historikern, etc.) überlassen bleibt.

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