Das Museum als historischer und interkultureller Begegnungsort

Anlässlich des 40. Internationalen Museumstages am 21. Mai 2017 veröffentliche Frau Dr. Tanja Praske einen lesenswerten Gastbeitrag auf der Webseite des Deutschen Historischen Museums unter dem Titel: „Braucht es das Museum oder kann es weg?“ Ein Grund erneut einige Facetten des Museums als Akteur der Erinnerungskultur und Ort interkultureller Begegnung zu betrachten, doch zunächst zur Problemlage: 1

Zuspitzend greift sie jene Zuschreibungen auf, mit denen sich Museen heute konfrontiert sehen. Sie seien „heilige Hallen vollgestopft mit verstaubter Kunst“, halten die „Aura seiner Originale wie einen Heiligenschein“ hoch, doch evozieren sie weder Emotionen noch gelingt ihnen die Narration einer interessanten Geschichte. Und letztlich sei die Konkurrenz durch unterhaltsamere Freizeitangebote schlicht zu groß – und sei es nur das heimische Sofa. 2

In Zeiten klammer Staatssäckel, in denen es im Gebälk der Kulturbranche an allen Ecken und Enden knarzt, ist doch fraglich, ob die Museen, welche sich so vom Bewusstsein der Menschen und ihrer Lebenswelt entfernt haben, ihre Daseinsberechtigung nicht zum Teil verloren haben. Zwar sind die Besuchszahlen im Museum auch im Jahr 2015 erneut um über 2% angestiegen 3, dennoch sagt die bloße Anzahl der Museumsbesuche nichts über die Museumsbesucher aus, zumal nicht über deren gesellschaftliche Stellung. Soweit sie lediglich als Teil der „Champagner-Etage“ 4 der Elite zu charakterisieren sind, so können sie weg, resümiert Frau Praske.

Aus dieser Situation heraus sinnieren die deutschen Museen also über Ihre Daseinsberechtigung. Auch wenn das Museum vor großen Herausforderungen stehe, existiere ihre Raison d`Être noch. Gleich zwei sinnstiftende Aspekte werden von Frau Praske angeführt, die wir näher betrachten möchten.

Museen übernehmen wichtige Funktionen im Rahmen der Erinnerungskulturen. Sie „bieten neuen Denkstoff als Orte des kollektiven Gedächtnisses. […] Gleichzeitig eröffnen sie uns andere Erfahrungshorizonte: Vergangenheit wird in die Gegenwart überführt.“ 5. Es ist erkennbar, dass Museen wichtige Akteure der Geschichtsschreibung sind und gleichzeitig Geschichte in der Gegenwart erfahrbar machen. Sie nehmen somit geradezu eine Schnittstellenfunktion ein.

Dabei lässt sich der Begriff des kollektiven Gedächtnisses in zwei Basisregister unterteilen: Während das kulturelle Gedächtnis einen hohen Verdichtungsgrad aufweist und sich auf eine mehr oder minder konsolidierte Fassung der deutlich vergangenen Geschichte bezieht und sich nur über materielle Zeugnisse reproduzieren kann, bleibt das kommunikative Gedächtnis noch eher  Bestandteil von Aushandlungsprozessen. Es ist geknüpft an die Kommunikation zwischen Individuen, die Erfahrungen ihrer Lebensgeschichte teilen und umfasst somit nur einen Zeithorizont von etwa 80 Jahren. 6

Problematisch ist somit beispielsweise das gegenwärtige Aussterben jener Zeitzeugen, die den Holocaust überlebt haben. Bei der Bewahrung ihres Gedächtnisses spielen auch Museen eine große Rolle. Sie können als Begegnungsorte eine Plattform für den Austausch von individuellem Wissen bieten und somit als Katalysator im Konsolidierungsprozess dienen. Zugleich stellen sie geschichtliche Artefakte – und mit ihnen Träger des kulturellen Gedächtnisses – aus und ermöglichen einen weiteren Zugang zur Geschichte.

Diese kollektive Erinnerung, an deren Bildung und Vermittlung Museen teilhaben, ist essentieller Bestandteil unseres Selbstverständnisses. Konfrontiert mit diversen Herausforderungen unserer Zeit, verbessert die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit die Möglichkeit wohlinformierte Entscheidungen für die Gegenwart zu fällen. 7

Zudem seien Museen „per se interkulturelle Orte“. 8 Unter der Maßgabe, dass Toleranz durch Begegnung wächst, kommt den Museen in einer offenen, pluralistischen Gesellschaft somit eine wichtige Rolle zu. Gerade in Zeiten einer „fremdenfeindlich motivierten Renaissance des Nationalismus“ 9 bieten sie einen wichtigen Gegenpol im politischen Selbstverständigungsdiskurs.

Schlussendlich spielen Museen – wie bereits thematisiert – eine wichtige Rolle in der Zivilgesellschaft. Diese liegt insbesondere im Zuwachs sozialen Kapitals. Um einen solchen Zuwachs zu erreichen, müssen Besucher ihre sozialen, politischen und beruflichen Positionen insofern verlassen, als dass sie mit Menschen in Verbindung treten, die andere Perspektiven haben. Die Museen eröffnen somit Räume nicht nur für Begegnungen mit der eigenen Vergangenheit, sondern auch derer anderer Menschen und Kulturen. Robert Putnam folgert, dass selbst bei der Teilnahme an rein kunstbezogenen kulturellen Aktivitäten, soziales Kapital als äußerst wertvolles Nebenprodukt generiert wird. 10

Braucht es also das Museum?

– Unbedingt!

 

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1 Praske, Tanja: „Braucht es das Museum oder kann es weg?“ 19.05.2017 (URL: http://www.dhm.de/blog/2017/05/19/braucht-es-das-museum-oder-kann-es-weg/), nachfolgend zitiert als Praske: „Braucht es das Museum?“
2 ebd.
3 Institut für Museumsforschung: „Statistische Gesamterhebung an den Museen der Bundesrepublik Deutschland für das Jahr 2015“, Berlin 2016, S.7.
4 zit. n. Praske, im Original von Dietmar Thieser (url: https://www.wp.de/staedte/hagen/bezirksbuergermeister-fordert-voruebergehende-schliessung-der-museen-id8653430.html )
5 Praske: „Braucht es das Museum“?
6 Zu den Begriffen kommunikatives und kulturelles Gedächtnis nach Assmann siehe bspw. Schraten, Jürgen: „Zur Aktualität von Jan Assmann – Einleitung in sein Werk“, Wiesbaden 2011, S.18ff. oder auch Erll, Astrid: „Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen – Eine Einführung“, Stuttgart u. Weimar 2005, S. 27ff.
7 Vgl. Imhof, Kurt: „PLÄDOYER: Die Musealisierung des Aktuellen: eine Kritik“, in: Gesser, Susanne; et. al (Hrsg.): „Das Partizipative Museum – Zwischen Teilhabe und User Generated Content“, Bielefeld 2012, S.61-67, hier S.66., nachfolgend zitiert als: Imhof: „PLÄDOYER“
8 Mann, Stefan, zit. n. Praske: „Braucht es das Museum?“
9 Imhof: „PLÄDOYER“, S.66
10 Putnam, Robert D.: „Bowling Alone – The Collapse and Revival of American Community“, New York 2000, S.411.

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